• Titel
  • Titel Odyssee

    eine Odyssee beginnt ...

  • Titel Ruinen

    Umgeben von überfluteten Straßen,
    entwurzelten Bäumen
    und zerfallenen Häusern...

  • Titel Kompass

    ... begeben sie sich
    auf die Suche
    nach einem Weg zurück ...

  • Titel Wetter

    und müssen erkennen,
    dass die Welt,
    wie sie sie kannten,
    nicht mehr existiert.

  • Titel

    Mit dem nächsten Buch beginnt ein neues Projekt.

  • Titel Markierung

    Ich nenne es:

    Ceres

    (Das wird nicht der Buchtitel sein)
  • Titel Carrier

    So viel sein verraten:

    • Es spielt in einer fiktiven Welt.
    • Die Menschen leben auf verschiedenen, voneinander getrennten  Kontinenten.
    • Gesellschaft, Wirtschaft, Kommunikation, Transport und Soziales werden teilweise neu definiert.
       
    • Trotzdem gibt es Probleme in dieser fast perfekten Welt,
      die die Helden der Geschichte herausfordern und zu lösen versuchen.

  • Titel Zeichnung

    Die Geschichte steckt noch in den Anfängen
    und erfordert eine Menge Recherche,
    die ich mir von einigen Experten erhoffe.

  • Titel Schlüssel

    Aber keine Angst:

    Auch in Riftland geht es weiter! 


     

     

    Bild: Stefan Keller @ Pixabay

Quellen

  • MARKIERT
    Fantasy Science

    Teil 4 der Riftland Saga

    Todliche Tränen
    Verlorene Leichen
    Vergessene Bücher


      Der Rat der Kontinuen hat den Istari jegliche Einmischung in die Belange der Menschheit untersagt. Um die Sicherheit der Erde zu gewährleisten, wurde das Kontinuum Nthaw zu ihrem Beschützer ernannt, allerdings verfolgen die Nthawi ihre eigenen Pläne mit ihrem Protektorat.
      Auf der zu großen Teilen zerstörten Erde hat nur eine Minderheit Kenntnis von der fremden Herrschaft. Eine kleine Gruppe um GS organisiert sich, um gegen die Fremden vorzugehen.
      Obwohl Roger von den Machenschaften der Fremden weiß, will er sich nicht länger einmischen. Gemeinsam mit der Liebe seines Lebens begibt er sich auf die Suche nach einem normalen, einfachen Leben in dieser neuen Welt. Doch gerade auf diesem Weg holt das Schicksal ihn ein.
    .

  • Leseprobe
    V o r g e s c h i c h t e

    Fünf Jahre sind vergangen, seit ein misslungenes Experiment der Mountmarker die Menschheit an den Abgrund der Existenz brachte. Das gesamte Eis der Gletscher und Pole ist geschmolzen. Der Meeresspiegel stieg weltweit sprunghaft um 60 Meter an. Riesige Flutwellen vernichteten die Küstengebiete. Gleichzeitig entstand eine unüberwindliche Luftschicht in zweitausend Fuß Höhe, oberhalb der kein Leben möglich war. Nur zehn Prozent der Menschen haben diese Katastrophe überlebt.
    Während sie versuchen, zu überleben, übernehmen skrupellose Politiker und Militärs das Kommando und streiten um die Machtverhältnisse auf dem amerikanischen Kontinent. Inmitten dieses Chaos gelingt es dem deutschen GS und dem ehemaligen Präsidenten Payne, den Staat Riftland aufzubauen. Dreizehn Jugendlichen unter der Führung des Jungen Ben wurden von einer unbekannten Macht besondere Fähigkeiten verliehen. Mit der Hilfe dieser Berührten ist es Riftland gelungen, die Kultur und das Wissen der alten Welt zu bewahren und sich aus den Streitigkeiten der anderen Staaten herauszuhalten. Der jungen Joe gelang es bei einer waghalsigen Expedition in die Antarktis, die tödliche Barriere auszuschalten. Dort erfuhr sie die Wahrheit über die Ursache der Katastrophe. Dieses Unternehmen war nur Teil eines ausgeklügelten Plans des Diktators Big Don, der die Menschheit auf seine Weise retten will. Die Zerstörung der Luftschicht soll das Klima drastisch verändern. Um die Menschen vor der Vernichtung zu bewahren, nutzt er eine Technik der Mountmarker und bildet Schutzschirme über den verbliebenen Städten. Die Technik der Schirme stammt in Wahrheit von den Nthawi, einer außerirdischen Macht. Sie ermöglicht es ihnen, das Kontinuum ihres Erzfeindes
    – der Istari – anzugreifen. An vielen Orten erscheinen plötzlich Lebensformen aus den unterschiedlichsten Kontinuen, um entweder den Berührten zu helfen oder ihre eigenen Interessen durchzusetzen.
    Ein fehlgeleiteter Berührter wurde zu einem Ritter der Istari. Ihm ist es gelungen, fast alle Schutzschirme zu zerstören. Dabei nahm er den Tod von Millionen Menschen in Kauf. Mithilfe von Raven und Ashley, die ebenfalls nicht von der Erde stammen, gelingt es dem Detective Tom Farmer, den Ritter zu vernichten. Dabei wird er jedoch so schwer verletzt, dass er nur in der Heimatwelt der Ntahwi gerettet werden kann. Gleichzeitig wird bei dem Versuch, die Familie Payne zu beschützen, Ashley betrogen. Ihr schützendes Zeitfeld tötet die beiden, sowie die zwei Berührten Mia und Sophia.
    Die Nthawi übernehmen die Macht in den restlichen Städten und hetzen die Menschen gegen die Berührten auf. Big Don und GS schließen sich widerwillig zusammen und fliehen nach Oak Ridge, um von dort aus die Spur des Schwarzen Fuchs aufzunehmen und gemeinsam gegen die Fremden vorzugehen.

    M a c h t l o s

    Soeben ist die Nachricht von den Schirmen Newport, Columbus und Minneapolis eingetroffen. Henderson verkrampft die Hände hinter dem Rücken. So hat er sich seine Präsidentschaft nicht vorgestellt.
    Er blickt aus dem Fenster seines Büros. Der Schirm über Tulsa schimmert in der spätherbstlichen Sonne. Die Straßen sind leer. Ein Windstoß wirbelt Laub auf. Nachdem die Bewohner von dem Zusammenbruch der Schirme über den anderen Städten erfahren haben, sind sie panisch durch die Portale geflüchtet. Die Einheiten des Protection Squads haben sich aufgelöst und laufen ebenfalls davon, obwohl es außerhalb der Schutzschirme keinesfalls sicherer ist. Die Menschen werden dort der Natur ausgeliefert sein, die in den vergangenen Wochen bereits Tausende das Leben gekostet hat. Die Schirme sollten sie davor schützen. Jetzt sind sie selbst zu einer lebensgefährlichen Falle geworden.
    Henderson beobachtet eine Katze, die unbeeindruckt auf dem Vordach eines Nebengebäudes liegt. Er schmunzelt. Das Tier macht sich keine Gedanken darüber, welche Gefahr über ihrem Kopf schwebt.
    Er hat keine Informationen darüber, was in den anderen Städten geschehen ist, nur dass mindestens sieben von dreizehn Schirmen nicht mehr existieren und alles Leben unter ihnen vernichtet wurde.
    Er bekommt keine Verbindung nach Charlotte und Big Don meldet sich nicht. Wahrscheinlich existiert die Stadt ebenfalls nicht mehr. Was soll er jetzt machen? Weglaufen hat für Henderson keinen Sinn. Er sitzt in der Mitte von Tulsa und würde sich hinten anstellen müssen. Niemanden interessiert es, dass er der Präsident ist.
    Er seufzt. War es das für die Menschheit? Würden sie je wieder ein Leben in Sicherheit führen?
    „Du bist noch nicht weg?“, hört Henderson die Stimme seiner Vizepräsidentin und dreht sich zu ihr um.
    „Wohin soll ich gehen?“, fragt er zurück. „Was ist mit dir?“
    Die schlichte schwarze Anzughose mit dem weißen Oberteil zeigt ihm, dass sie ebenfalls nicht vorhat, die Stadt zu verlassen, um den Flüchtenden in die raue Wildnis Riftlands zu folgen.
    „Wir hatten unsere Chance“, winkt Claire ab. „Vielleicht haben wir Glück und Tulsa bleibt stehen. Dann gehört die Stadt uns.“
    „Du könntest den anderen hinterherlaufen und dein Leben retten.“
    „Was soll das für ein Leben sein? Das Land wurde durch die Stürme zerstört. Bald wird wieder das Gesetz des Stärkeren gelten“, sagt sie. „Ich hätte damit kein Problem, aber lebenswert ist es nicht.“
    Der Monitor auf Hendersons Schreibtisch gibt ein akustisches Signal ab. Eine Nachricht ist eingetroffen. Sofort steuern beide darauf zu.
    Er liest die Meldung und lässt sich anschließend resigniert in seinen Sessel fallen.
    Claire seufzt. „Jetzt ist es egal, wo wir uns aufhalten. Wenn diese Wetterfront uns erreicht, ist es außerhalb der Schirme auch nicht sicherer.“
    Henderson schwingt sich aus seinem Sessel. „Möchtest du etwas trinken?“, fragt er sie. „Ich brauche jetzt was Starkes.“
    „Ich nehme das Gleiche wie du.“
    Claire kichert belustigt, als Henderson sich umständlich in seinen Chefsessel setzen will, der jedoch wegrollt und ihn unsanft auf den Boden fallen lässt. „Ich glaube …“ Er steht schwankend wieder auf, „… das letzte Glas war zu viel“, nuschelt er.
    „Ich habe auch genug“, sagt Claire und stellt ihr halbvolles Glas weg. „Wenn so die Elite der Menschheit aussieht, geben wir euch keine hundert Jahre mehr, bis eure Spezies endgültig Geschichte ist.“
    Claire und Henderson wirbeln herum und verlieren fast das Gleichgewicht. Drei identisch aussehende Männer stehen im Raum. Kahlköpfig, mit Sonnenbrillen und in ihrer dunkelblauen, enganliegenden Kleidung wirken diese Hünen einschüchternd. Henderson bemüht sich, Haltung zu bewahren. Vergeblich fummelt er an seiner Krawatte herum.
    „Wer seid ihr?“, lallt er und schüttelt den Kopf, um klarer denken zu können. „Wir nennen uns selbst Nthawi und sollen euch beim Aufräumen helfen“, sagt der Mittlere.
    Henderson runzelt die Stirn. Hat der Mann seinen Mund überhaupt bewegt? „Ihr benötigt die Schirme, um euch vor den Stürmen und der Hitze zu schützen. Dabei werden wir euch zur Hand gehen, da ihr offensichtlich die Kontrolle darüber verloren habt.“
    Henderson lässt sich auf seine Couch fallen. Er weiß, dass er viel zu betrunken ist, um mit den Fremden zu verhandeln. „Übernimm du das“, sagt er zu Claire. „Wozu habe ich schließlich eine Vizepräsidentin?“
    „Was erwartet ihr als Gegenleistung?“, fragt Claire, die sich auf Hendersons Schreibtisch stützt.
    „Miss Durant kommt immer gleich zur Sache“, bemerkt der Fremde süffisant. „Wir garantieren euch Sicherheit und Wohlstand. Die Technik der Schirme bleibt dabei allein uns vorbehalten. Um unsere Aufgaben unauffällig auf diesem Planeten wahrnehmen zu können, werden wir die Firma Me- C-Net und die Agentur CN-News übernehmen. Euer Mäzen Mr. Jones, hat bereits einige intelligente Vorbereitungen getroffen, die wir nutzen können.“ Henderson atmet schwer aus. Das klingt nicht nach einem Angebot, sondern nach Fremdbestimmung.
    „Damit können Sie uneingeschränkt Einfluss auf die Bevölkerung nehmen“, stellt er fest. „Pressefreiheit gäbe es nicht mehr.“
    „Uns kümmern eure primitiven Sorgen nicht“, sagt der Mann arrogant. „Wir werden beim Aufbau einer neuen Infrastruktur, Industrie und Produktion helfen, ohne dabei eure Welt zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Wir zeigen euch, wie es geht, und ihr kommt hoffentlich damit zurecht.“ „Oder auch nicht“, meint einer der anderen abfällig. „Hauptsache, ihr mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten ein.“
    „Die da wären?“, fragt Claire.
    „Wir werden uns nicht dazu herablassen, euch alles zu erklären. Euer Verstand würde es doch nicht begreifen.“ Der Mann macht eine Pause und denkt nach. „Eine Bedingung haben wir allerdings.“
    Henderson horcht auf.
    „Ihr kümmert euch um die Berührten.“
    Claire blickt Henderson an, der nur mit den Schultern zuckt.
    „Keine Ahnung, wovon die sprechen“, nuschelt er. „Wenn sie keine Hallullzination sind, bin ich einverstanden. Ich brauche jetzt eine Runde Schlaf.“
    Er lässt sich seitlich auf die Couch fallen.
    „Wer sind die Berührten?“, fragt Claire.
    „Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Sie sind schuld am Tod von Millionen. Einen kennt ihr bereits unter dem Kürzel GS.“
    Dann drehen sich die drei Männer um und lösen sich im Türrahmen in Luft auf, als hätten sie nie existiert. Claire blickt aus dem Fenster. Die Oberfläche der Schirme über Tulsa ist ruhig, die Sterne des nächtlichen Himmels glitzern durch die schützende Barriere.

    Abschied

    Roger sitzt im Wagen auf dem Parkplatz der Fall Creek-Wasserfälle und spielt mit dem Zündschlüssel. Vor ihm erstreckt sich die karge, leblose Landschaft, die von einer rotbraunen Staubschicht bedeckt ist. Wahrscheinlich kennzeichnet sie auf der ganzen Erde die Gebiete der ehemaligen Todeszone oberhalb von zweitausend Fuß. Die Unwetter der vergangenen Wochen haben den Staub ebenso wenig abtragen können, wie der inzwischen einsetzende Regen. In den tiefer gelegenen Tälern stehen noch die toten Baumstümpfe der vormals grünen Wälder.
    „Die Paynes haben mehr verdient als diesen ärmlichen Abschied“, sagt er in die Stille des Wagens.
    Es ist erst wenige Tage her, seit er und Raven die sechs Leichen vor dem Wasserfall gefunden haben. Marian und Stanley Payne, James Burdon und die beiden Schwestern Sophia und Mia, die vor fünf Jahren mit GS und Ben aus Florida geflohen sind. Die sechste Leiche gehörte Ashley. Einem Scatach, der die Form dieser Frau angenommen hat. Sie hat versucht, die Opfer innerhalb eines Zeitfeldes zu beschützen. Roger hat nicht erfahren, was schiefgegangen ist.
    Laura zieht den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Sie presst die Lippen zusammen und nickt. Er schaut sie von der Seite an, während sie die trauernden Freunde der Verstorbenen beobachtet, die mit gesenkten Köpfen zum Parkplatz zurückkehren. Eisiger Schneeregen fegt über die leblose, rötliche Ebene, aber die Trauernden scheinen es kaum zu bemerken.
    „Sie standen sich wohl sehr nahe“, sagt Laura, als GS mit Ann zum Wagen geht. GS kann Ann kaum beruhigen.
    „Sie haben mit den Paynes nach der Katastrophe zusammen ein Flüchtlingslager aufgebaut“, bemerkt Roger. „Jessica hat erwähnt, dass sich die meisten von ihnen dort kennengelernt haben.“
    Er wendet den Blick von Laura ab. Eigentlich gehört er nicht hierher. Diese Berührten sind eine Art Übermenschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Welt zu retten. Nach den jüngsten Ereignissen ist Roger skeptisch, ob ihnen das gelingen wird. Die Außerirdischen sind ihnen haushoch überlegen. Das hat sein Freund Tom deutlich zu spüren bekommen, als er bei dem Kampf gegen den Ritter der Istari schwer verletzt wurde. Raven sagte, nur die Mediziner von Nthaw könnten ihn retten. Zusammen mit Liam sind sie durch einen Teleport verschwunden.
    Jessica, Emma und die Rabba Paula nähern sich ihrem Fahrzeug. Er steigt aus dem Wagen und öffnet der Rabba die hintere Fahrzeugtür. Jessica und Emma steigen auf der anderen Seite ein. Roger schüttelt den Schnee ab und schlüpft zurück auf den Fahrersitz.
    „Was geschieht mit ihm?“, fragt Laura, als sie Big Don sieht. Er hat den Toten ebenfalls die letzte Ehre erwiesen. Der Mann steigt in den Wagen, in dem bereits Ravens Bodyguards Schutz vor dem ungemütlichen Wetter gesucht haben. Joe kommt den Weg hinauf. Sie windet sich aus den Armen von Leroy und stellt sich vor Big Dons Wagen. Sie spuckt mit Verachtung gegen die Scheibe und sagt etwas in seine Richtung. Big Don erwidert ihren Blick ohne eine Gefühlsregung.
    Roger startet den Wagen. „Die mögen sich nicht sonderlich.“
    Er sieht, wie Leroy und Anita Joe wegziehen und zu einem anderen Fahrzeug drängen.
    Nacheinander verlässt die Trauergemeinde den Ort und fährt zurück nach Oak Ridge. Big Don hat ihnen diesen Stützpunkt zur Verfügung gestellt, da die Berührten in der Nähe von Tulsa nicht mehr sicher waren, was auch immer das bedeutet.
    „Warum sind die Jugendlichen in Gefahr?“, fragt Roger. „Was hat Raven damit gemeint?“
    Er reibt über die Stelle, an der sich Ravens Armband befunden hat, während er mit der anderen Hand das Steuer hält. Manchmal hat er das Gefühl, es wäre noch unter seiner Haut.
    „Wir sind nicht allein im Universum“, sagt die alte Dame auf der Rückbank. Für Roger ist sie nach wie vor die Rabba, auch wenn er mittlerweile erfahren hat, dass ihr richtiger Name Pauline ist. „Die Fremden sind in der Lage, über Energieportale zwischen den Welten zu reisen“, fährt sie fort. „Sie benutzen unsere Erde, um ihre Interessen durchzusetzen.“
    „Die da wären?“, fragt Laura.
    „Das können nur die Außerirdischen sagen.“
    „Wie viele mag es von ihnen geben?“, fragt Jessica.
    „Raven und dieser Hund waren auf unserer Seite“, bemerkt Emma. „Sie stammten von verschiedenen Welten. Ashley war ein Scatach, ein Formwandler. Raven und sie haben uns vor den Istari gewarnt. Das macht schon vier außerirdische Zivilisationen.“
    „Raven hat von Eden gesprochen und der zweite Scatach wurde von jemandem beauftragt, der die Berührten vernichten sollte“, bemerkt Jessica. „Wer weiß, ob da nicht noch mehr sind, von denen wir nichts wissen.“ Roger seufzt. „Es ist schon komisch, dass es auf einmal Aliens gibt und wir nicht wissen, ob wir einen vor uns haben. Raven hätte mir wenigstens ihr Armband lassen können. Das Ding war richtig cool.“
    „Roger, unser Superheld.“ Laura tätschelt ihm die Schulter. „Ohne diese Fähigkeiten gefällst du mir besser.“
    „Aber er hat recht“, sagt Pauline. „Es wäre hilfreich, wenn wir ein Hilfsmittel hätten, mit dem wir die Fremden erkennen könnten.“
    „Und dann? Wir wissen nicht, worin die Gefahr für uns wirklich besteht und warum sie hinter uns her sind“, sagt Emma.
    „Auch können wir nicht sagen, wer uns wohlgesinnt ist“, sagt Pauline. „Wir wissen zu wenig über die Politik der Aliens.“
    Niemand erwidert etwas. Die restlichen zwei Stunden bis zum Ziel verbringen sie schweigend.
    Oak Ridge wurde nach der Katastrophe von den Einwohnern verlassen, sobald sie bemerkten, dass die Luft kaum atembar war. Sie flohen in tiefer liegende Gebiete nach Süden. Big Don dagegen wusste, welche Kostbarkeit hier wartete und hat immer wieder versucht, dieses Gebiet zu annektieren. Schließlich gelang es ihm mit Stanley Paynes Hilfe. Seine Leute, die den Supercomputer wieder in Betrieb nahmen, hatte er natürlich schon vorher in Oak Ridge eingeschleust.
    Big Don hat seit der Katastrophe einen Plan verfolgt und versucht, auf seine Weise die Menschen unter den Energieschirmen der Mountmarker zu beschützen. Allerdings wusste er nicht, dass er nur eine Figur in einem Plan fremder Mächte war.
    Nach dem Zusammenbruch der meisten Schirme und den verheerenden Unwettern haben nach letzten Berechnungen weniger als sieben Millionen Menschen überlebt. Davon hält sich etwa eine Million unter den derzeit noch stabilen Schirmen von Tulsa, Tuscaloosa, Wichita und Lexington auf. Der Rest der Menschheit auf diesem Kontinent versucht, in den wenigen Oasen irgendwie zu überleben.
    Für Roger ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Inseln des Lebens dem menschenfeindlichem Klima zum Opfer fallen werden. GS und Big Don beäugen sich noch immer argwöhnisch, aber die Situation lässt ihnen keine Wahl, als jetzt zusammenzuarbeiten.
    Nacheinander passiert der Konvoi den Kontrollpunkt, der den Zugang zu den National Laboratories regelt. Wenig später erreichen sie ihre Unterkünfte. Roger begleitet Laura zu ihrem Zimmer und küsst sie zärtlich auf die Wange. Er überlegt kurz, ob er ihr folgen soll, entscheidet sich jedoch dagegen. Er braucht jetzt Zeit für sich.
    In seinem Zimmer zieht er die nassen Klamotten aus und dreht die Heizung auf. Dann legt er sich auf das Bett. Nachdenklich starrt er die Decke an. Was soll er jetzt machen? Sein Leben wurde in den letzten Tagen völlig auf den Kopf gestellt.
    „Mein Gott, Tom!“, murmelt er vor sich hin. „Was haben wir nur angestellt? Warum musstest du unbedingt den Fall aufrollen?“
    Sie hätten es einfach bei dem Unfall belassen sollen und nichts wäre passiert. Liam wäre nie verschwunden und Tom wäre weiterhin in Springfield. Gemeinsam würden sie ihren Dienst verrichten, sich gegenseitig von ihren törichten Vorhaben abhalten und die Abende in Bars verbringen, wenn es Toms väterliche Aufgaben zuließen.
    „Lass die hohen Herren doch ihre Spielchen spielen. Was haben wir damit zu tun?“
    Roger schließt die Augen und hält sich die Hände vor das Gesicht, als er merkt, wie Tränen seine Wangen herunterlaufen. Er vermisst seinen Freund und Partner. Selbst Aaron, diesen komischen Kauz. Sie haben ihn im Lazarett zurückgelassen, für einen Transport war er noch zu schwach gewesen.
    „Was mache ich hier überhaupt?“, fragt sich Roger erneut und richtet sich auf. Um auf andere Gedanken zu kommen, beschließt er, eine kalte Dusche zu nehmen. Das gibt einen klaren Kopf. Er legt die restliche Kleidung ab und geht ins Bad. Ein stechender Schmerz im Bein erinnert ihn an die noch nicht vollständig verheilte Verletzung, die er sich in dem Fahrstuhlschacht in Nashville zugezogen hat.
    Erfrischt und mit neuer Energie zieht er die Kleidung an, die alle Mitarbeiter im Labor tragen: einen eng anliegenden dunkelblauen Overall, der mit einem Reißverschluss an der Vorderseite geschlossen wird. Roger mag eigentlich diese Art von Kleidung nicht, aber er muss zugeben, dass sie sich gut auf der Haut anfühlt und auch bei den winterlichen Temperaturen außerhalb des Gebäudes angenehm warm hält. Außerdem ist sie wasserabweisend und widerstandsfähig.
    Er betrachtet sein Spiegelbild und schüttelt nachdenklich den Kopf. „Das bist du nicht, Roger Wheeler. Du hast hier nichts verloren.“ Entschlossen verlässt er sein Zimmer und sucht Laura auf. Er zögert kurz, bevor er anklopft.
    „Komm rein, Roger!“, schallt es von innen.
    „Hast du mich erwartet?“, fragt er und betritt den Raum. Ihre einfache Wohnung gleicht der seinen: Ein langer schmaler Raum ohne Fenster. Ein Schreibtisch mit Stuhl, ein Bett und eine Küchenzeile gehören zur spartanischen Einrichtung. Ein Geruch von Desinfektionsmittel steigt ihm in die Nase und verstärkt den sterilen Eindruck der weißen Wände.
    „Wer sollte mich sonst besuchen?“, antwortet sie. „Von den anderen kenne ich keinen.“
    Roger greift nach ihrer Hand und zieht sie zu sich. Laura legt ihre Arme um ihn und drückt ihren Kopf gegen seine Schulter. Sekundenlang verharren sie schweigend in dieser Stellung.
    „Ich habe eine Entscheidung getroffen“, sagt er schließlich. Laura löst sich von ihm. „Nur für dich?“
    Er grinst. „Ich hoffe sehr, dass du mich begleitest.“
    „Erzähl!“
    „Ich fühle mich hier nicht wohl.“ Er macht eine ausholende Handbewegung. „Ich bin ein Polizist und kann nichts mit diesen Präsidenten, Staatsoberhäuptern, NSA-Chefs oder berühmten Schauspielern anfangen. Die sind eine Nummer zu groß – zu wichtig – für mich. Dann sind da noch diese merkwürdigen Berührten, von denen ich nicht weiß, was ich von ihnen halten soll. Sie sind mir unheimlich.“
    Laura nickt. „Mir geht es ähnlich.“
    „Dann lass uns verschwinden“, sagt Roger. „Wir könnten ins Lazarett zurückkehren und dort helfen. Außerdem ist Aaron noch dort.“
    Laura umarmt Roger erneut. „Ich bleibe bei dir. Wohin du auch gehst.“
    Roger schaut in ihre warmen Augen und küsst sie auf ihre weichen Lippen.

    N e u e Z i e l e

    Roger und Laura betreten den kleinen Hörsaal des Laboratoriums, in dem GS alle zusammengerufen hat. Sie setzen sich in die vorletzte Reihe. Nacheinander erscheinen die anderen und verteilen sich weitläufig in dem Saal, während GS nachdenklich auf dem Podium auf und ab geht. Big Don hat sich vor ihm niedergelassen und Roger bemerkt, wie er den Mann aufmerksam beobachtet.
    GS schaut auf und räuspert sich, als der Letzte die Tür schließt. „Ich freue mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid, und möchte mich für eure Anteilnahme am Grab unserer Freunde bedanken.“
    Er macht eine kurze Pause.
    „Stanley Payne hatte eine Vision“, fährt er fort. „Die Vision von einer geeinten Nation. Auch unser Gastgeber, Mister Jones, hatte dieses Ziel vor Augen, wenn er es auch mit anderen Mitteln umsetzen wollte. Es ist im Nachhinein müßig, darüber zu streiten, wer richtig oder falsch gehandelt hat, die Realität hat uns inzwischen eingeholt. Fremde Kräfte haben sich durchgesetzt und unsere Pläne zerstört.“
    Roger hört kaum zu, sondern blickt Laura immer wieder von der Seite an. Diese Frau fasziniert ihn. Noch nie hatte er solche Gefühle für jemanden. Er nimmt Lauras Hand, doch sie wehrt ab und deutet nach vorne, wo GS und Leroy ihre Vorträge halten. Sie hört den beiden gespannt zu. Roger atmet tief ein und lehnt sich zurück, während die Redner über Aliens, Mountmarker, Sphären und die Berührten sprechen. Ihm wird deutlich bewusst, dass er sich richtig entschieden hat.
    Am Ende der Versammlung nickt er Laura zu und gemeinsam gehen sie die wenigen Stufen herab. GS zieht die Augenbrauen hoch, als sie ihn erreichen. „Kann ich kurz mit dir reden?“, spricht Roger ihn an.
    „Sicher. Was gibt es?“
    „Wir haben eine Bitte“, druckst Roger herum. „Wir würden gerne zurück.“ „Ihr wollt uns verlassen?“, fragt GS erstaunt. „Hier seid ihr in Sicherheit. Wo wollt ihr hin?“
    „Sei uns nicht böse, aber das ist nicht unsere Welt. All die Aliens, Universen und Berührten ….“ Roger macht eine ausholende Geste. „Außerdem haben wir einen Freund zurückgelassen, um den wir uns kümmern müssen.“
    „Das tut mir leid, dass ihr uns verlassen wollt“, sagt GS. „Wir können jede Hilfe gebrauchen. Allerdings werden wir euch nicht zwingen, an dieser wichtigen Aufgabe mitzuarbeiten.“
    So wie GS es formuliert, bekommt Roger ein schlechtes Gewissen. Er schaut zu Laura, die ihn aufmunternd anlächelt. Dann schüttelt er den Kopf. „Sorry.“
    „Ich kann euch verstehen. Solltet ihr es euch anders überlegen, seid ihr jederzeit willkommen.“
    „Danke“, sagt Laura.
    „Es ist euch wahrscheinlich nicht bewusst, aber die Menschen haben euch viel zu verdanken.“
    Roger blickt verlegen auf seine Hände. „Da wäre noch eine Sache …“, beginnt Roger.
    „Wenn ihr etwas braucht – einen Wagen, Verpflegung oder andere Sachen – sprecht mit Ann. Sie wird euch helfen.“
    Roger streckt GS die Hand entgegen. „Vielen Dank. Es war mir eine Ehre, dich kennenzulernen.“
    „Ganz meinerseits“, sagt GS und erwidert die Geste. „Wann wollt ihr los?“ „Gleich morgen früh. Nach Sonnenaufgang.“
    „Viel Glück.“
    „Das wünschen wir euch auch. Ihr könnt es gebrauchen“, erwidert Laura. Roger atmet tief durch, als sie den Kontrollpunkt des Laboratoriums passiert haben. Zuerst wollte er noch anhalten, um sich zu verabschieden, doch als er sah, dass die Leute mit einem Einsatzwagen vom Squad beschäftigt waren, ist er weitergefahren.
    „Bist du erleichtert?“, fragt Laura, beugt sich zu ihm und schmiegt sich an seine Schulter, während Roger mit einer Hand das Lenkrad festhält und sich auf die Straße konzentriert.
    „Haben wir die richtige Entscheidung getroffen oder sie im Stich gelassen?“ „Würden sie unsere Hilfe dringend brauchen, hätte GS uns zum Bleiben überredet. Dass er es nicht versucht hat, zeigt, dass wir entbehrlich sind.“ Roger zögert einen Moment. „Wahrscheinlich hast du recht.“
    „Kennst du den Weg zum Lazarett?“
    „Ich habe mir die Karten vorher eingeprägt. Wir brauchen etwa drei Stunden bis dahin.“
    Das Tal bei Oak Ridge ist von den verheerenden Stürmen ebenso verschont geblieben wie das Lazarett, wo sie Aaron zurückgelassen haben.
    Trotzdem haben die fünf Jahre nach der Katastrophe der Natur stark zugesetzt. Die meisten Bäume sind abgestorben. Nur vereinzelt haben Büsche und kleinere Bäume in geschützten Tälern überlebt. Laura starrt mit traurigem Blick auf die Landschaft, die an ihrem Fenster vorbeizieht. Roger wischt mit einer Hand über das Armaturenbrett des Impalas.
    „Der Wagen ist zwar alt, läuft aber zuverlässig“, sagt Roger, um Laura auf andere Gedanken zu bringen. „Die Tankfüllung reicht für fünfhundert Meilen. Bis Nashville sind es nur hundertsiebzig. Wir haben also genug Reserve. Danach müssen wir sehen, wo wir Sprit herbekommen.“
    „Was ist mit dem Fahrverbot? Gilt das noch?“
    „Ich hoffe nicht. Im Lazarett werden wir mehr erfahren.“
    „Wir werden dort sicher helfen können“, bemerkt Laura zuversichtlich. „Du kannst in Nashville beim Police Department fragen, ob sie einen Job für dich haben. Dann wäre auch der Wagen sicherlich kein Problem.“
    „Du glaubst, dass es noch existiert, nach allem, was passiert ist?“
    „Warum nicht?“, entgegnet Laura. „Egal, wer jetzt in der Stadt das Sagen hat, er muss auf jeden Fall für Ordnung sorgen.“
    „Nachdem die ganzen Schirme zerstört wurden, wird das Protection Squad diese Funktion übernehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob die mich mit offenen Armen empfangen werden.“
    „GS hat gesagt, dass mindestens ein Drittel der Bevölkerung durch den Zusammenbruch der Schirme umgekommen ist. Darunter waren bestimmt auch viele Soldaten. Sie werden dringend Verstärkung brauchen.“ „Dein Optimismus tut gut“, sagt Roger grinsend, während er den Wagen auf die Interstate 40 lenkt.
    Ohne Zwischenfälle erreichen sie das Lazarett. Christine, die Verwaltungschefin, ist dankbar für ihr Angebot, aushelfen zu wollen. Sie zeigt ihnen, wo sie ihre Sachen in den Gemeinschaftsunterkünften deponieren können. Es ist erst wenige Tage her, seit sie die Zelte des Lazaretts verlassen haben.
    „Ich kann Unterstützung im Büro gut gebrauchen“, sagt Christine zu Laura. „Dein Mann kann bei den Technikern fragen.“
    „Oh. Wir sind nicht verheiratet, nur …“, entgegnet Laura und blickt Roger unsicher an.
    „Ich glaube, das weiß sie“, sagt Roger und legt einen Arm um sie. „Ich möchte nach Aaron sehen, sobald wir unsere Sachen verstaut haben.“
    „Geht in Ordnung“, antwortet Christine amüsiert. „Ich erkundige mich, wo er untergebracht ist.“
    Aaron wurde von der Intensivstation in eines der Krankenzelte verlegt. Roger geht durch den Eingang und erkennt den Freund sofort. Das Zelt mit der weißen Plane ist geräumiger als das, in dem er anfangs untergebracht war. Zurzeit sind insgesamt drei der acht Betten belegt. Aaron sitzt auf einem Stuhl neben dem Bett und hält ein Buch in der Hand. Er schaut zwischen dem Buch und einem Schachbrett, das auf einem Tisch neben ihm aufgebaut ist, hin und her. Schließlich bewegt er eine Figur.
    „Dir scheint es wieder besser zu gehen!“, ruft ihm Roger entgegen. Überrascht blickt Aaron auf. „Roger Wheeler, Miss Laura!“ Aaron springt von seinem Stuhl auf und lässt das Buch auf den Tisch fallen. Zwei Figuren purzeln zu Boden.
    Aaron kommt gebeugt auf sie zu und greift mit einer Hand an seine Seite. Roger kann ihm ansehen, dass er versucht, nicht das Gesicht zu verziehen. „Ich bin froh, euch beide wiederzusehen. Wie geht es euch?“
    „Hallo Aaron.“ Laura erscheint neben Roger und blickt Aaron lächelnd an. „Langsam, mein Freund“, sagt Roger und eilt ihm entgegen.
    Er bemerkt, wie die beiden anderen Patienten sich etwas zuflüstern und gemeinsam das Zelt verlassen. Dabei nicken sie ihnen freundlich zu. „Die Ärzte haben gute Arbeit geleistet und mich wieder zusammengeflickt. Schachspielen geht, aber den nächsten Aufzugsschacht werde ich noch nicht schaffen.“
    Roger zieht die Augenbrauen hoch. Ironie ist früher nicht gerade Aarons Stärke gewesen. Der Mann hat sich verändert. Aber wer hat das nach den letzten Ereignissen nicht?
    „Setz dich“, fordert Laura ihn auf. „Du solltest dich schonen.“ „Ich habe seltsame Geschichten gehört, aber niemand konnte mir sagen, was wirklich geschehen ist.“ Aaron schaut sie fragend an, nachdem er wieder auf seinem Stuhl Platz genommen hat. „Wie geht es Liam und Tom?“ Roger und Laura schauen sich an.
    „Was ist mit ihnen? Ihnen geht es doch gut, oder?“ Aarons Augen werden groß.
    „Soweit wir wissen, geht es beiden gut“, beginnt Roger und setzt sich auf die Bettkante.
    Aaron runzelt die Stirn. „Aber?“
    Roger holt tief Luft. „Wo fange ich nur an?“, murmelt er und beginnt stockend zu berichten, was in den letzten Tagen geschehen ist. Er erzählt von Raven, Toms Kampf gegen den Scatach in der Kirche, den Armbändern, Ashleys wahrem Wesen und ihrer Begegnung mit dem Ritter von Istar.
    Aarons Kinnlade klappt nach unten, als er von Toms Verletzung erfährt und wie sie über den Teleport in das Lazarett gelangt sind.
    „Die Ärzte sagten, dass sie für Tom nichts mehr tun können. Raven hat ihn auf Liams Drängen irgendwo hingebracht, wo sie glaubte, dass man ihn heilen kann. Liam wollte seinen Vater nicht allein lassen und hat sie begleitet.“ „Und wo sind sie jetzt?“
    „In einer fremden Welt?“, antwortet Roger unsicher. „Ich weiß nicht, ob wir sie wiedersehen werden.“
    „Mhm“, macht Aaron und schaut ihn nachdenklich an, als wisse er nicht, ob er alles glauben kann. „Ich werde für sie beten“, sagt Aaron, als er sich wieder gefasst hat. „Was ist mit Jessica und den Kindern?“
    Mehrere Mediziner und Pfleger betreten diskutierend das Zelt.
    „Sie sind in Sicherheit“, erwidert Laura und beobachtet unsicher die Gruppe. „Aber das sollten wir besser nicht hier besprechen.“
    „Ich wollte sowieso einen Spaziergang machen“, sagt Aaron und steht schwerfällig auf. „Ihr könntet mir Gesellschaft leisten.“
    „Ich muss eben noch bei der Verwaltung vorbeischauen“, sagt Laura. „Geht schon vor, ich hole euch bestimmt ein.“
    „Sicher“, erwidert Aaron mit einem schiefen Grinsen, während Roger ihn zu stützen versucht. „Zeig mir, wo ihr damals durch diesen Port angekommen seid.“
    Roger zuckt mit den Schultern und führt den Mann durch das Zelt. Da befreit sich Aaron aus seinem Arm. „Ich bin nur verletzt, nicht senil.“ Mit normalen Schritten geht er durch den Eingang. Roger schüttelt amüsiert den Kopf, doch bevor er ihm folgen kann, zieht Laura ihn am Kragen zu sich heran und küsst ihn leidenschaftlich auf den Mund.
    „Bis später, Liebster“, haucht Laura ihm anschließend ins Ohr, geht auf den Ausgang zu und lässt Roger mit offenem Mund zurück.
    Aaron schaut ihr amüsiert nach, bis Roger neben ihm steht. „Was wolltet ihr mir im Zelt nicht erzählen?“, fragt Aaron draußen. „Du weißt ja von den Mädchen und ihren Fähigkeiten“, beginnt Roger und Aaron nickt. „Man nennt sie auch die Berührten. Frag mich nicht, warum. Auf jeden Fall gehören GS und deine Rabba ebenfalls zu ihnen.“ „Unsere Rabba Paula?“, fragt Aaron erstaunt.
    „Wusstest du, dass ihr richtiger Name Pauline ist?“
    Aaron schüttelt sprachlos den Kopf.
    Sie gehen eine Weile schweigsam weiter. Das Lazarett verschwindet hinter den kargen Bäumen und Sträuchern.
    „Wo sind sie jetzt?“, fragt Aaron.
    „Jemand will sie umbringen und jetzt müssen sie sich verstecken.“
    „Wer?“
    Roger seufzt. „Ich weiß nicht, ob ich das alles richtig hinkriege: Also da gibt es die Istari, die nicht mit den Berührten zusammenkommen dürfen – oder so ähnlich. Dann gab es diesen Scatach, der schon in Champaign hinter den Mädchen her war. Aber Ashley war auch ein Scatach und mit ihnen befreundet.“
    Roger blickt Aaron skeptisch an und hat seine Zweifel, ob der ihm folgen kann. „Raven ist wiederum ein Wächter und hat von irgendwelchen Auftraggebern und einem Rat gesprochen.“ Er bleibt stehen und sieht Aaron entschuldigend an. „Wenn du mich fragst, sind das zu viele Aliens auf einmal. Ich komme da nicht wirklich mit. Nur so viel ist sicher: Die Berührten müssen sich verstecken und gleichzeitig die anderen warnen.“
    „Welche anderen?“
    „Paula – ich meine Pauline – hat von insgesamt zweiundvierzig Berührten gesprochen, die über die ganze Welt verteilt sind.“ Kalter Wind zerrt an seiner Jacke und Roger schaut nach oben. „Wir sollten zurückkehren, das wird gleich ungemütlich.“
    „Und dieser Teleport?“, will Aaron wissen und bleibt stehen. „Wie muss ich mir den vorstellen?“
    „Ein rechteckiges Energiefeld mit einem unregelmäßigen Rand. Man konnte diese Landschaft in seinem Inneren erkennen.“
    „Und hier seid ihr herausgekommen? Von Champaign aus?“
    „Gleich da vorne.“ Roger zeigt auf ein markantes Gebüsch. „Hört sich wie Science-Fiction an … Ich würde es auch nicht glauben, wenn ich es nicht erlebt hätte.“
    Ungemütlicher Schneeregen setzt ein und sie kehren um. Als Roger und Aaron das Lazarett erreichen, werden sie bereits von Laura erwartet. „Es sind neue Unwetter angekündigt“, sagt sie und schaut beunruhigt nach draußen. „Christine will auch dieses Mal nicht weichen.“
    „Sie kennt das Risiko“, meint Aaron, während er seine Jacke abklopft.„Die letzten Stürme hat das Lazarett auch überstanden. Wohin soll sie fliehen? Die intakten Sphären sind zu weit entfernt.“
    „Hoffentlich hast du recht“, meint Laura besorgt.

    Engpass

    Während Laura und Roger frühstücken, kommt Christine an ihren Tisch.
    „Darf ich euch Turteltauben stören?“
    Erstaunt blicken sie auf.
    „Sicher“, sagt Laura. „Setz dich.“
    „Wie ihr wisst, sind wir hier notorisch unterbesetzt und ich kann normalerweise niemanden abziehen. Aber da ihr jetzt hier seid, könnte Roger
    vielleicht etwas für uns erledigen.“
    „Alles, was in meiner Macht steht.“
    Christine lächelt dankbar. „Uns gehen die Medikamente aus“, beginnt sie verlegen. „Der Nachschub kam das letzte Mal aus Lexington, aber nach den jüngsten Ereignissen werden wir nicht darauf hoffen können.“
    „Ich kann mich auf die Suche machen“, bietet Roger an. „In Tuscaloosa und Tulsa sollte noch etwas zu finden sein.“
    „Das ist nicht nötig und auch zu gefährlich“, entgegnet Christine. „Wir haben erfahren, dass jemand Bestände in der Nähe von Atlanta hortet, und Kontakt aufgenommen.“
    „Atlanta ist nicht nur ein Tagesausflug“, überlegt Roger. „Mit dem Wagen brauche ich mindestens drei Tage und mich darf keiner erwischen.“
    „Deshalb sind Tulsa und Tuscaloosa auch tabu. Das Squad würde den Wagen sofort konfiszieren.“
    „Ich brauche Sprit.“ Roger rechnet in Gedanken die Menge aus. „Mehr als eine Tankfüllung.“
    „Du kannst den Jeep nehmen“, schlägt Christine vor. „Das ist ein Diesel, der verbraucht weniger und du könntest zur Not Heizöl tanken.“
    „Wie wäre es mit einigen Reservekanistern?“, schlägt Laura vor. „Ich kenne jemanden in Nashville, der würde uns sicher helfen.“
    „Uns?“ Roger schaut Laura überrascht an.
    „Ich lasse dich kein zweites Mal aus den Augen“, sagt sie mit schelmischem Blick. „Außerdem habe ich in Nashville noch etwas zu erledigen.“
    Christine steht schnell auf. „Ich bereite eben die Unterlagen und die Bezahlung vor.“
    „Du denkst an Miller?“, fragt Roger, als Christine weg ist.
    „Ist einen Versuch wert.“
    Roger nimmt zärtlich ihre Hand. „Informierst du Aaron? Dann gehe ich rüber zu Christine und komme nachher zu ihm.“
    „Okay.“
    Wenig später sind sie auf dem Weg nach Nashville. Ihr erstes Ziel ist klar: das Hotel, in dem Laura früher gearbeitet hat. Doch als sie dort ankommen, finden sie nur noch die Reste der Grundmauern vor. Millers Bautrupp hat das ganze Viertel eingeebnet. Die Baustoffe benötigte man in den Korridoren der Städte für den Wiederaufbau.
    „Das sieht nicht gut aus“, meint Roger. „Die sind hier schon lange fertig.“ „Ich zeige dir den Weg zu Millers Lager vor der Stadt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Nashville verlassen hat.“
    „Hoffentlich hast du recht“, meint Roger.
    Sie finden Miller in seinem Lager, wo er sie freudig begrüßt. Nachdem sie ihm ihr Vorhaben erklärt hat, schlägt er vor, einen Dreihundertlitertank mit Zapfanlage auf einem Teil der Ladefläche des Jeeps zu montieren. Roger will ablehnen, doch Miller besteht darauf und weist seine Mitarbeiter sofort an, damit zu beginnen.
    Während der Umbauten erzählen sie ihm beim Lunch, was sie nach der Rettung aus dem Hotel erlebt haben. Dabei lassen sie die Passagen mit den Aliens aus. Das würde zu viele Fragen aufwerfen.
    Miller hat inzwischen Anfragen aus den zahlreichen zerstör
    ten Städten erhalten. In Nashville ist nicht mehr viel zu tun. „Wahrscheinlich gehen wir nach Lexington, das Gebiet vor der Stadt hat es ziemlich schlimm erwischt und es ist nicht so weit entfernt. Meine Mitarbeiter haben alle Familie hier in Nashville.“
    „Der Wagen ist fertig“, hört Roger die Stimme eines Arbeiters hinter sich. „Danke, Mike“, sagt Miller und steht auf. „Ich habe noch etwas für Sie, Miss Laura“, sagt er und geht zu einem Sideboard. Aus einer Schublade holt er einen Koffer hervor und reicht ihn Laura. „Die Sachen haben wir in den Ruinen des Hotels gefunden.“
    Überrascht nimmt Laura den Koffer entgegen und schaut Miller dabei fragend an. Sie legt ihn auf den Tisch und öffnet ihn behutsam. Roger sieht, wie ihr die Tränen in die Augen schießen, während sie das Namensschild ihres Vaters hervorholt. Ein Ausweis und mehrere Kreditkarten liegen ebenfalls darin. Außerdem eine Schachtel, eingehüllt in zerknittertes Geschenkpapier. Sie presst sich eine Hand vor den Mund. Roger legt tröstend seinen Arm um sie. Auf dem festgebundenen Kärtchen steht: Für meine kleine Laura. Sie beginnt zu schluchzen und Roger zieht sie ganz zu sich heran.
    Miller nickt ihm zu und verlässt mit seinem Mitarbeiter den Raum.
    Es dauert einige Minuten, bis Laura sich gefangen hat. Schniefend geht sie zu Miller, der draußen bei seinen Männern steht.
    „Danke, Mr. Miller“, sagt Laura aufrichtig und fällt dem Mann um den Hals.
    „Ich wusste, dass Sie die Sachen eines Tages abholen würden.“
    „Was sind wir Ihnen schuldig?“, meint Roger und deutet auf den Wagen, als Laura sich auf den Beifahrersitz zurückzieht.
    „Vielleicht eine Kleinigkeit für meine Männer.“
    Roger überreicht Miller einige Packungen Zigaretten, Konserven und Münzen, die Christine ihnen als Tauschwaren mitgegeben hat. Er schaut zu Laura, die den Koffer fest umklammert.
    „Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagt Roger zu Miller. „Passen Sie auf sich auf.“ Als sie wieder auf die Straße biegen, fragt Laura: „Können wir noch einmal an dem Hotel vorbeifahren?“
    Roger nickt. Er würde ihr gerne ein paar tröstende Worte sagen, ihm fallen jedoch keine ein. Schweigend fahren sie zu dem Ort, an dem sich früher der Eingang des Hotels befand. Sie holt das Namensschild ihres Vaters hervor und legt es auf einen großen Stein in der Mitte des Platzes. Es tut Roger in der Seele weh, Laura leiden zu sehen. Gemeinsam nehmen sie Abschied von ihrem Vater.
    „Willst du das Päckchen nicht öffnen?“, fragt Roger, als sie wieder im Wagen sitzen.
    Stumm nickend löst sie das Papier und holt ein dunkelblaues Halstuch mit barockem, goldfarbenem Muster aus der Schachtel. Sie stößt ein weinendes Lachen aus.
    „Ich liebe diese Halstücher“, sagt sie und küsst den Stoff. „Er wusste das.“ Kurzerhand bindet sie es sich um und schaut in den Rückspiegel. „Steht dir wirklich gut“, sagt Roger aufmunternd.
    Sie haben Nashville lange hinter sich gelassen, als Laura den Koffer schließlich auf die Rückbank legt.
    „Danke“, murmelt sie.
    „Nicht jeder bekommt die Gelegenheit, sich zu verabschieden.“
    Sie blickt aus dem Fenster. „Die Sonne geht bereits unter. Wenn du müde wirst, kann ich dich ablösen.“
    „Ich würde ungern nachts fahren“, meint Roger. „Das sieht nach einem Unwetter aus.“ Er deutet auf den Horizont. „Wir müssten die Scheinwerfer anmachen, das ist meilenweit zu sehen.“
    „Ich schlafe auf der Rückbank“, meint sie und blickt ihn schelmisch an. „Meinst du, da ist Platz für zwei?“
    „Auf keinen Fall.“
    Roger zieht seine Lippen zu einem Schmollmund zusammen. „Du liebst mich nicht.“
    Laura rollt mit den Augen. „Männer. Immer die gleiche Leier. Wie wäre es mit etwas mehr Fantasie und Gefühl?“
    „Zu anstrengend“, antwortet Roger mit einem breiten Grinsen. Laura boxt ihm scherzhaft gegen den Oberarm.
    Heftiger Regen setzt ein und verschlechtert die Sicht. Plötzlich tritt Roger auf die Bremse.
    „Mist“, schimpft er. „Da vorne mussten wir rechts abbiegen.“
    Er fährt zurück und biegt in die Straße. Die verwüstete Gegend ist nach den Tornados fast menschenleer. Von Zeit zu Zeit begegnen ihnen Familien, die sich mit ihren letzten Habseligkeiten auf dem Weg in die verbliebenen Städte gemacht haben. Selten sind die Häuser bewohnt, an denen sie vorbeifahren.
    „Machen wir eine Pause“, schlägt Laura vor.
    „Gleich. Die Gegend ist mir zu unübersichtlich.“ Zur Verdeutlichung zeigt er auf die dichten Büsche und Baumstümpfe zu beiden Seiten.
    Nach einer Viertelstunde erreichen sie eine Anhöhe mit einer Parkbucht hinter einer Mauer mit der Aufschrift Ridgevills.
    „Das sollte genügen“, sagt Roger und parkt den Wagen neben der Mauer. Müde reibt er sich die Augen und gähnt.
    Laura beugt sich nach hinten und holt ein paar Sandwiches aus ihrer Verpflegungskiste, während Roger die Innenbeleuchtung anmacht.
    „Du hast bestimmt Hunger“, sagt sie und reicht ihm ein Päckchen. Dann greift sie nach ihrer Jacke und will die Tür öffnen. „Ich bin mal eben für …“ „Doch nicht bei dem Wetter?“, fragt Roger entsetzt.
    „Wann denn sonst?“ Sie schaut ihn stirnrunzelnd an. Als er nichts erwidert, steigt sie aus.
    Kalter, nasser Wind weht ins Innere des Wagens, bevor Laura die Tür wieder zuschmeißt. Besorgt schaut er ihr hinterher, aber nach wenigen Sekunden verschwimmen ihre Konturen im Dämmerlicht. Soll er ihr folgen? Quatsch, denkt er. Schließlich ist sie erwachsen. Er würde wie ein Spanner aussehen. Trotzdem wird er ungeduldig. Warum muss das bei den Frauen immer so lange dauern?
    Plötzlich geht hinter ihm die Wagentür auf und Laura schlüpft hinein. „Was …“, will Roger protestieren, doch Laura unterbricht ihn sofort.
    „Schau nach vorne!“, flüstert sie eindringlich. „Da liegen zwei Jungs auf der Lauer. Direkt am Ende der Mauer. Es sind noch Kinder, aber bewaffnet. Sie sind direkt an mir ...
  • F.A.Q.
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    • Umschlaggestaltung : Hauke Schrills ; Igor Link
    • Lektorat : Rohlmann & Engels
    • Korrektorat : Mirjam Samira Volgmann
    • Cover-Bild :
    • Igor Link
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